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09.10.2017
Erschienen in: 04/2017  Klassiker der Luftfahrt

RaketenabfangjägerMitsubishi J8M: Deutsches Design made in Japan

Sie sollte Japan gegen die Bomberströme der Alliierten schützen und wäre dazu auch bestens geeignet gewesen. Doch das Kriegsende sorgte dafür, dass die Shusui von Mitsubishi, Japans erster Raketenabfangjäger, nicht mehr zum Einsatz kam.

Anfang 1943 waren die japanischen Truppen weitestgehend auf dem Rückzug. Die US-Bomberströme kamen näher, und man hatte von der Entwicklung von Amerikas neuestem Bomber, der Boeing B-29 Superfortress, erfahren. Die Militärführung schlussfolgerte richtig, dass die B-29 auch Ziele in Japan direkt angreifen würden. Daher suchte die japanische Marine dringend einen schnellen und gut bewaffneten Abfangjäger, der es mit der B-29 aufnehmen konnte. Zur gleichen Zeit berichteten japanische Militärs aus Deutschland von der Messerschmitt Me 163 Komet, und die Marine erkannte sofort ihr Potenzial. Man verhandelte und konnte für 20 Millionen Reichsmark an einen Lizenzvertrag kommen.

Im März und April 1944 stachen zwei japanische U-Boote, die unter anderem mit Teilen der Komet beladen waren, Richtung Japan in See. Eines wurde jedoch schnell aufgespürt und versenkt. Das andere erreichte immerhin Singapur. Von dort wurden einige Pläne auf dem Luftweg nach Japan gebracht. Der Rest der Teile blieb an Bord des U-Bootes. Kurz nach dem Auslaufen ging aber auch dieses verloren. Somit waren die geretteten Pläne alles, was Japan für die Entwicklung eines Raketenjägers zur Verfügung hatte.

Im Juli 1944 beauftragte die Marine Mitsubishi damit, auf Basis der Komet einen eigenen Abfangjäger zu entwickeln. Kurze Zeit später stieg auch das Heer in das Projekt ein. Die Marine gab ihrer Komet die Bezeichnung J8M „Shusui“ (dt.: klares Herbstwasser, in Japan die Metapher für ein gut geschärftes Schwert), die Armee nannte sie Ki-200. Die Arbeiten an dem Projekt kamen äußerst schnell voran, und das finale Mock-up war bereits im September 1944 fertiggestellt und wurde von Marine und Heer akzeptiert. Gleich zu Beginn des Projekts hatte man Mitsubishi damit beauftragt, eine antriebslose Gleiterversion der J8M zu entwickeln, um einerseits die Flugeigenschaften zu ermitteln und um andererseits die zukünftigen Piloten zu trainieren.

Am 8. Dezember 1944 startete die MXY8 Akigusa (dt.: Herbstgras) zu ihrem Erstflug. Nachdem sie von einer Kyushu K10W1 auf Höhe geschleppt worden war, übernahm der Testpilot, Korvettenkapitän Toyohiko Inuzuka, den Steuerknüppel  – und war begeistert. Die Flugeigenschaften ohne Antrieb waren sehr gutmütig. Die Maschine war äußerst wendig, und selbst ein Fluganfänger wäre in der Lage gewesen, sie zu steuern. Nach diesem Testflug wurden bei Heer und Marine weitere Tests mit modifizierten Gleitern veranlasst, bei denen Wassertanks das Gewicht der beladenen J8M herstellen sollten.

Am 7. Juli 1945 schließlich stand die erste Shusui vollbetankt zu ihrem Jungfernflug bereit. Wieder war es Korvettenkapitän Inuzuka, der das Flugzeug auf Herz und Nieren testen sollte. Der Start verlief sehr gut, und die J8M schoss steil in den Himmel. Auf einer Höhe von 400 Metern setzte plötzlich das Triebwerk aus: Die Shusui stürzte ab und zerschellte am Boden. Pilot Inuzuka kam dabei ums Leben. Man fand heraus, dass der Treibstofftank schlicht an der falschen Stelle saß und somit nur Luft statt Treibstoff angesaugt wurde. Das Problem wurde behoben, als der Krieg zu Ende ging. Mitsubishi hatte bis dahin wohl sieben der Raketenflugzeuge fertig gestellt.

Insgesamt planten Armee und Marine mehrere Versionen der Shusui. Dazu gehörte die J8M1. Wie ihr deutsches Vorbild besaß sie zwei 30-mm-Kanonen. Bei der Version J8M2 war eine Kanone ausgebaut worden, um ein größeres Tankvolumen zu ermöglichen. Man plante auch eine leichtere Ausführung der J8M, da der japanische Antrieb vom Typ Toko.Ro2 (KR10) etwas weniger Leistung lieferte als sein deutsches Gegenstück. Bei der Armee einigte man sich relativ schnell auf die Version Ki202. Sie war größer als die Ki200 und konnte mehr Treibstoff mitführen. Außerdem war ihr Antrieb stärker. Die Hauptunterschiede zwischen Heeres- und Marineversion war äußerlich nur an der Bewaffnung zu erkennen. Bis auf den geringen Leistungsunterschied standen die Japaner der Messerschmitt in nichts nach und hätten, wie schon die Komet, eine ernste Bedrohung für die Bomber über ihren Heimatländern dargestellt. Im Gegensatz zur Me 163 wäre auch der Einsatz als Kamikazeflugzeug denkbar gewesen, aber nur bei einer Invasion, die zum Glück nie stattfand.

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 04/2017

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